Praxis für Ergotherapie Brigitte Flora-Laube und Winfried Wagner-Sorg

 
 

Psychomotorik

Der Begriff "Psychomotorik" verdeutlicht, dass die menschliche Bewegung nicht nur unserer Fortbewegung oder einer Handlung dient, sondern auch als ein individuelles Ausdrucksmittel der gesamten Persönlichkeit zu betrachten ist. Psychomotorik beschreibt die Wechselbeziehung zwischen seelisch-psychischen und körperlichen Vorgängen. Unsere seelische Befindlichkeit drückt sich über die Bewegung aus.


Ziele und Inhalte

Die Psychomotoriktherapie setzt sich zum Ziel, die Bewegungs-, Wahrnehmungs-, Kontakt- und Handlungsfähigkeit den Möglichkeiten des Kindes entsprechend zu fördern und zu verbessern. Sie orientiert sich an den persönlichen Entwicklungsthemen des Kindes, seinen Stärken und seinen psychomotorischen Schwierigkeiten. Sie unterstützt das Kind in seiner Persönlichkeitsentfaltung, vermindert den Leidensdruck des Kindes und erleichtert ihm den Umgang mit seinen Schwierigkeiten, seien diese nun im motorischen Bereich (Grob-, Fein- oder Grafomotorik), oder im Verhaltensbereich.

Wir verstehen unsere Arbeit mit den Kindern als ganzheitliche Entwicklungsbegleitung. Grundsätzlich gehen wir davon aus, dass Kinder von Geburt an eine natürliche Neugier und einen Drang zur Entwicklung mitbringen. Manchmal scheinen diese Schätze allerdings verborgen oder zugedeckt zu sein und sie müssen erst einmal ent-deckt werden! Dazu bieten wir den Kindern einen psychomotorischen Raum an, in dem wir eine besondere Zeit zur Verfügung stellen mit der Absicht, eine entwicklungsfördernde Atmosphäre von gegenseitiger Wertschätzung und Akzeptanz zu schaffen. In einem Wechselspiel von Vorschlag und Gegenvorschlag (Dialog) suchen wir über Bewegungsspiele den Kontakt zu dem einzelnen Kind, finden Zugänge zu seiner Wirklichkeit, nutzen die individuellen Stärken und begleiten das Kind im Kontext der Gruppe in seiner Entwicklung. Auf diesem Wege meistert das Kind selbstgestellte Aufgaben in Bewegungsgeschichten. Die Erfahrung „Ich kann´s bzw. Ich schaff´s“ ist für viele Kinder eine seltene Erfahrung. Es motiviert in die nächste Psychomotorik-Stunde zu kommen und weiter zu machen. Der Zugang zu den verborgenen Potentialen ist gefunden. Aufbauend auf dieser sich stabilisierenden Beziehung beginnt sich ein positives Selbstkonzept zu entwickeln. Von da an kann das Kind ohne überfordernde Leistungserwartung auf die nächsten Entwicklungsstufen klettern. So gesehen ist Psychomotorik auch eine innere Haltung, die psychomotorische Haltung.
Um die Kinder und Jugendlichen, ob entwicklungsverzögert, beeinträchtigt oder in anderer Weise auffällig, in besonders intensiver Weise zu betreuen, bieten wir Fördergruppen an, in denen jeweils bis zu acht Kinder regelmäßig begleitet werden.
Für unsere praktische Arbeit sind uns folgende Prinzipien wichtig:
Wir möchten eine vertrauensvolle, von Leistungsdruck und Konkurrenz befreite Atmosphäre schaffen, da Kinder in unserer Zielgruppe aufgrund ihrer Sozialisation meist negative Erfahrungen mit Bewegung, Spiel und Sport verbinden.
Als Ausgangspunkt der Förderung sehen wir die - wenn auch scheinbar noch unentdeckten - Fähigkeiten des Menschen, nicht ausschließlich deren Defizite und Symptome, um ihnen die Wirklichkeit ihrer eigenen Potentiale erfahrbar zu machen und die Lust an der Bewegung zu wecken und zu nutzen.
Die Kinder werden auf der Ebene des gemeinsamen Spiels als gleichwertige Partner gesehen. Im Dialog werden Vorschlag und Gegenvorschlag von Kindern und TeamerInnen als Entwicklungskraft genutzt.
Erst dann ist die gemeinsame Basis geschaffen, um gezielt bestehende Schwierigkeiten anzugehen.
Bewegung, Spiel und Spaß stehen im Vordergrund.
Wir arbeiten möglichst mit zwei TeamerInnen. So können wir das (Bewegungs-)Verhalten der Kinder besser beobachten und unsere Planung auf deren Bedürfnisse und Entwicklungsfortschritte abstimmen.
Wir arbeiten mit integrativen Gruppen. Wir nutzen dabei die sich aus der Mischung von Alter, Geschlecht und Individualität der Kinder ergebende Reibung als entwicklungsfördernde Stimulation. Kinder lernen von Kindern!
In der psychomotorischen Praxis werden den jeweiligen Themen der Kinder Raum und Zeit für Weiterentwicklung gegeben. Kinder brauchen Wiederholungen ebenso wie Variationen, jedes zu seiner Zeit. Individuelle Entwicklungspläne lassen genügend Spielräume für situative Umorientierung.
Wir nutzen zwar das Medium Bewegung, haben aber immer auch sowohl die sozialen und kognitiven als auch die emotional-affektiven Anteile des Menschen und dessen Umgebung im Blick (Ganzheitlichkeit).  
Vielfältige Spiel- und Handlungsmöglichkeiten helfen dem Kind:
sich und seinen Körper intensiver wahrzunehmen, kennen zu lernen, sich selbst zu akzeptieren und sich immer wieder als erfolgreich zu erleben
(Körpererfahrung);
seine gegenständliche Umwelt über verschiedene Sinne differenzierter zu erfahren, sie kennen zu lernen, (physikalische) Zusammenhänge zu erkennen, sich in ihr zu orientieren und angemessen zu handeln;
(Materialerfahrung)
seine soziale Umwelt in ihrer Vielfalt kennenzulernen, seine Bedürfnisse mitzuteilen, sich zu behaupten, Kompromisse zu schließen gemeinsam zu handeln.
(Sozialerfahrung)
In der Psychomotorik gibt es weder vorgegebene oder vorgeschriebene Bewegungsnormen noch stures Vor- und Nachmachen von Bewegungsfertigkeiten. Ohne negative Bewertung oder beschämende Situationen kann jeder frei und ungezwungen eigene Bewegungs- und Lösungsmöglichkeiten im Rahmen vorgegebener Spiel- und Lernangebote ausprobieren und finden.